Der Waffennarr - Kapitel 2
An diesem brüchigen Punkt meines Lebens, wäre wohl eine kurze Vorstellung nicht unangebracht. Mein Name ist Hans. Eigentlich bin ich ein ziemlich schweigsamer Zeitgenosse. Seit mich eine Thrombose am linken Knie erwischt hat, hinke ich fürchterlich. Es ist mir unangenehm. Im Alter ist jede Gebrechlichkeit ein Anker mehr an deinem Körper, der deine Hülle ist, die intakt bleiben muss, denn ist diese Unversehrtheit deiner Karosse einmal dahin, ist es vorbei mit Wertungen wie Respekt und Achtung, mit der Aura, die dich als Person umgibt, allem, was du diesen jungen Schnöseln am Arbeitsplatz nebst deiner Erfahrung – was für ein verlogener Begriff – überhaupt noch entgegensetzen kannst, wenn sie dir neunmalklug deinen Posten streitig machen wollen. Mein Bauch ist in den letzen zwanzig Jahren etwas dicklich geraten, wie bei manch anderen Einundsechzigjährigen, obwohl ich Marianne jeden zweiten Dienstag bat, vermehrt mageres Fleisch einzukaufen und gesundes Gemüse aufzutischen, aber Marianne wollte nichts davon wissen und sie gab mir stets auf dieselbe rührselige Art zu verstehen, dass dies doch im Grunde gar nicht in meiner Absicht läge. Es gehöre sich für einen richtigen Mann, als den sie mich dennoch betrachtete, zum Bier eine stattliche Bratwurst mit Zwiebelsauce zu essen, sagte sie immer, oder ein mariniertes ordentliches Poulet, und sie vermittelte mir das immer auf eine Weise, die jede Widerrede unanständig hätte klingen lassen und die man womöglich gar als charmant empfunden haben könnte, wäre sie jünger gewesen und nicht dieses alte, wenn auch gutmütige, Weib, das sie zweifelsohne war. Freilich wollte Marianne einfach nicht einsehen, dass mir mein Ranzen schon förmlich aus der Hose hing. Marianne war meine Frau.
Unsere Ehe schien sich nicht sonderlich von all den anderen Ehen in unserem Quartier zu unterscheiden, wenn man auch nur durch die Vorhänge der Nachbarn und gelegentliche Feten, wie das alljährliche Quartierfest im Frühjahr, unseren Nationalfeiertag {der erste August} oder den katholischen Weihnachtsabend in der Kirche, den Hauch eines Einblicks in diesen Mikrokosmos des Normalen erlangte. Ein missliches Unterfangen, bei dem man gegenüber anderen Quartierbewohnern den Schein der glücklichen Ehe wahren musste und bei dem alle anderen nach bester Schauspielkunst ihrerseits diesen Nimbus aufrecht erhielten. Versteht mich nicht falsch, unsere Ehe war nie unglücklich, und ich betrachtete Sie schon gar nicht als Übel. Wir, meine Marianne und ich, hatten uns bloss nicht mehr besonders viel zu sagen. Man stellte einander keine Fragen mehr, weil man die Antworten schon wusste. Die Ehe wurde stickig und banal. Ein Umstand der in den besten Ehen vorzukommen schien. Was sollte man auch anderes erwarten. Marianne und ich waren noch Kinder, als wir uns in einem reichlich unreifen Alter, sie war siebzehn, ich fünfzehn, kennen lernten, nachts, an diesem Abschlussball, wo sie mir gerade ein Mädchen wegschnappte mit dem ich tanzen wollte, zu «A Hard Days Night» von den Beatles, ehe die Band von den Rolling Stones aus der Hitparade verdrängt wurde, wenn ich mich recht entsinne. Stattdessen tranken wir Wein und veranstalteten allerlei Kalauer. Marianne war schon immer kregel, meine Geselligkeit beschränkte sich die Stunden unserer Zweisamkeit und irgendwann, es muss stattgefunden haben, als wir beide die Dreissig überschritten haben, zog sie dann bei mir ganz von dannen. Marianne erschuf sich ihren eigenen Freundeskreis im Quartier und beäugte mich in den ersten Jahren noch mit Argwohn, wie einen Fremdkörper der ihr Leben beengte. Wir definierten Gebärden, welche die Zeitpunkte des Austausches festlegten, sei Dieser nun körperlich oder sprachlich. Mit der Zeit versuchte sie schon gar nicht mehr, mich zu irgendwelchen Zusammenkünften zu schleppen, die über die besagten Festivitäten hinaus gingen. Sie akzeptierte meine Einsamkeit. Andere sammelten Briefmarken. Ich ölte meine Waffe.
Mariannes Geranien waren mindestens so rot wie unser Kleinwagen, wenn nicht gar karminrot wie der Beelzebub, der unten in meinem Keller auf mich wartete. Nun vertrockneten und verdorrten die Geranien langsam vor den Fenstern, vor den weissen Stickereien, die Marianne erschaffen hatte, verendeten sie. Das Leben verflüchtigte sich aus Ihnen, wie es sich auch aus Marianne verflüchtigt hatte, meiner Frau, die sich, den Blüten gleich, langsam im Erdsubstrat auflöste und zersetzte.
Y.
