Der Waffennarr - Kapitel 2

An diesem brüchigen Punkt meines Lebens, wäre wohl eine kurze Vorstellung nicht unangebracht. Mein Name ist Hans. Eigentlich bin ich ein ziemlich schweigsamer Zeitgenosse. Seit mich eine Thrombose am linken Knie erwischt hat, hinke ich fürchterlich. Es ist mir unangenehm. Im Alter ist jede Gebrechlichkeit ein Anker mehr an deinem Körper, der deine Hülle ist, die intakt bleiben muss, denn ist diese Unversehrtheit deiner Karosse einmal dahin, ist es vorbei mit Wertungen wie Respekt und Achtung, mit der Aura, die dich als Person umgibt, allem, was du diesen jungen Schnöseln am Arbeitsplatz nebst deiner Erfahrung – was für ein verlogener Begriff – überhaupt noch entgegensetzen kannst, wenn sie dir neunmalklug deinen Posten streitig machen wollen. Mein Bauch ist in den letzen zwanzig Jahren etwas dicklich geraten, wie bei manch anderen Einundsechzigjährigen, obwohl ich Marianne jeden zweiten Dienstag bat, vermehrt mageres Fleisch einzukaufen und gesundes Gemüse aufzutischen, aber Marianne wollte nichts davon wissen und sie gab mir stets auf dieselbe rührselige Art zu verstehen, dass dies doch im Grunde gar nicht in meiner Absicht läge. Es gehöre sich für einen richtigen Mann, als den sie mich dennoch betrachtete, zum Bier eine stattliche Bratwurst mit Zwiebelsauce zu essen, sagte sie immer, oder ein mariniertes ordentliches Poulet, und sie vermittelte mir das immer auf eine Weise, die jede Widerrede unanständig hätte klingen lassen und die man womöglich gar als charmant empfunden haben könnte, wäre sie jünger gewesen und nicht dieses alte, wenn auch gutmütige, Weib, das sie zweifelsohne war. Freilich wollte Marianne einfach nicht einsehen, dass mir mein Ranzen schon förmlich aus der Hose hing. Marianne war meine Frau.

Unsere Ehe schien sich nicht sonderlich von all den anderen Ehen in unserem Quartier zu unterscheiden, wenn man auch nur durch die Vorhänge der Nachbarn und gelegentliche Feten, wie das alljährliche Quartierfest im Frühjahr, unseren Nationalfeiertag {der erste August} oder den katholischen Weihnachtsabend in der Kirche, den Hauch eines Einblicks in diesen Mikrokosmos des Normalen erlangte. Ein missliches Unterfangen, bei dem man gegenüber anderen Quartierbewohnern den Schein der glücklichen Ehe wahren musste und bei dem alle anderen nach bester Schauspielkunst ihrerseits diesen Nimbus aufrecht erhielten. Versteht mich nicht falsch, unsere Ehe war nie unglücklich, und ich betrachtete Sie schon gar nicht als Übel. Wir, meine Marianne und ich, hatten uns bloss nicht mehr besonders viel zu sagen. Man stellte einander keine Fragen mehr, weil man die Antworten schon wusste. Die Ehe wurde stickig und banal. Ein Umstand der in den besten Ehen vorzukommen schien. Was sollte man auch anderes erwarten. Marianne und ich waren noch Kinder, als wir uns in einem reichlich unreifen Alter, sie war siebzehn, ich fünfzehn, kennen lernten, nachts, an diesem Abschlussball, wo sie mir gerade ein Mädchen wegschnappte mit dem ich tanzen wollte, zu «A Hard Days Night» von den Beatles, ehe die Band von den Rolling Stones aus der Hitparade verdrängt wurde, wenn ich mich recht entsinne. Stattdessen tranken wir Wein und veranstalteten allerlei Kalauer. Marianne war schon immer kregel, meine Geselligkeit beschränkte sich die Stunden unserer Zweisamkeit und irgendwann, es muss stattgefunden haben, als wir beide die Dreissig überschritten haben, zog sie dann bei mir ganz von dannen. Marianne erschuf sich ihren eigenen Freundeskreis im Quartier und beäugte mich in den ersten Jahren noch mit Argwohn, wie einen Fremdkörper der ihr Leben beengte. Wir definierten Gebärden, welche die Zeitpunkte des Austausches festlegten, sei Dieser nun körperlich oder sprachlich. Mit der Zeit versuchte sie schon gar nicht mehr, mich zu irgendwelchen Zusammenkünften zu schleppen, die über die besagten Festivitäten hinaus gingen. Sie akzeptierte meine Einsamkeit. Andere sammelten Briefmarken. Ich ölte meine Waffe.

Mariannes Geranien waren mindestens so rot wie unser Kleinwagen, wenn nicht gar karminrot wie der Beelzebub, der unten in meinem Keller auf mich wartete. Nun vertrockneten und verdorrten die Geranien langsam vor den Fenstern, vor den weissen Stickereien, die Marianne erschaffen hatte, verendeten sie. Das Leben verflüchtigte sich aus Ihnen, wie es sich auch aus Marianne verflüchtigt hatte, meiner Frau, die sich, den Blüten gleich, langsam im Erdsubstrat auflöste und zersetzte.

Y.

Der Waffennarr - Kapitel 1

Das Reh tat noch neun Atemzüge, ehe es starb. Dann wurde es still. Seine dunklen Augen starrten mich noch eine ganze Weile lang an und wurden dann matt, als ihr Glanz flüchtig erlosch. «Tu’ dem Tier kein Leid an», hörte ich eine Stimme im Wald rufen, die aber nur irgendwo in meinem Kopf sitzen konnte und sich bloss in mein Unterbewusstsein geschlichen hatte. Es tat mir tatsächlich Leid, so unverhofft, ein unschuldiges, feingliedriges Lebewesen, dessen Anmut mir so offenkundig ins Auge sprang, und keinen Menschen vernichtet zu haben.

Vorher hatte ich mit einer Kadenz von 600 Schuss in der Minute und zwei kleinen Unterbrüchen pro 24er-Magazin, (um meine lädierte Schulter zu schonen und zwischendurch die mit Sauerstoff geschwängerte Luft der Wildwiese einzuatmen), mit meinem STGW 57 ziellos drei Magazine in den Wald verballert. Die Projektile stoben in die Waldlichtung und richteten dort Verwüstung an. Sinn und Zweck dieser Verwüstung war eine wiedererwachte Nostalgie, konkret: ein Exerzieren an der Waffe, nämlich, um deren Funktionstüchtigkeit zu testen. Mein Gewehr, die Standardwaffe der Schweizer Armee bis ins Jahr 1990, kennt man fernerhin unter der Bezeichnung SIG 510, ein klassischer Rückstosslader mit verzögertem, zweiteiligen Masseverschluss, die auch, in einer leicht abgewandelten Version, mit einem verkleinerten 20-Schuss-Magazin, ohne Zweibeinstativ, kürzerem Lauf (zum praktischen agilen Häuserkampf), sowie Kolben und Vorderschaft aus Ebenholz mit NATO-Kaliber 7,62x51mm, an die chilenische und bolivianische Armee verkauft wurde. Die Italiener produzierten unter Baretta die Waffe in Lizenz. Die ’Ndrangheta verwendet sie gerne für Liquidierungen aus Distanz mit aufgesetztem Infrarot-Zielfernrohr. Es wurden annähernd eine Million Exemplare mit Echtheitszertifikat und persönlicher Signatur seines Konstrukteurs und Erfinders, Rudolf Amsler, der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft, kurz SIG, gefertigt. Jemand vertrieb sogar illegal eine Liebhaberausgabe mit Feldflasche, Rasierspiegel und Rasierwasser mit Ahornduft für den geneigten Jäger und Sammler. Der einzige Nachteil dieses Schmuckstücks ist sein erhebliches Gewicht. Darum wurde es vom nur 4.1 Kilogramm schweren Sturmgewehr 90 abgelöst, wodurch eine beachtliche Gewichtsreduktion von einem guten Drittel erreicht werden konnte. Dennoch ist das STGW 90 meinem Baby in seiner Zielgenauigkeit auf 300m weit unterlegen, insbesondere wenn man planlos schiesst, wie ich es an diesem Tag gerne tat, sorgt stets ein Drall von erstaunlichen 270mm, der die Rotation des 7,5x55mm-GP11-Projektils durch Kreiselkräfte stabilisiert und ein Überschlagen der Patrone verhindert, für eine gewisse, man könnte schon fast sagen, durchschlagend geradlinige Perforierung. Die SIG Holding hielt früher auch Beteiligungen an der alemannischen Waffenschmiede mit der ausgesprochen passenden Bezeichnung Sauer & Sohn GmbH. Ohne falsche Bescheidenheit immerhin die imposante Waffenschmiede, die 14 Millionen Exemplare des Karabiner 98k, dem Standardgewehr der deutschen Wehrmacht, an der Front verheizte. Ebenfalls eine richtig geile Waffe!

Neben dem Sturmgewehr 57, welches ich nach dem Armeedienst von der Armee für moderate 60 Franken erwerben durfte, besass ich seit meiner Dienstzeit noch eine SIG P210-2 mit Holzschalengriff, armeeintern besser unter der Bezeichnung P49 bekannt, verfeuert sie acht 9mm Parabellum Geschosse pro Magazin. Eine abgeänderte Version des Modells ging an den Deutschen Grenzschutz GSG9, der diese, unter anderen Aktionen menschlicher Empathie, für die überaus erfolgreiche Geiselbefreiung der Lufthansa-Maschine Landshut in Mogadischu einsetzte. Sinn und Zweck dieser Geiselname durch Terroristen der Volksfront zur Befreiung Palästinas war übrigens, bekanntermassen, die Freipressung eines geschwätzigen bekennenden Porschefahrers und Popkommunisten namens Andreas Baader.

Was mir am STGW 57 immer besonders gut gefiel, war die dezente Tatsache, dass man sein rassiermesserscharfes Armee-Bajonett an seinem 690mm langen Lauf befestigen konnte, zweifellos ein Überbleibsel aus dem Grabenkampf, bei dem man sich in sich dezimierenden Phalangen vorarbeiten musste.

Aber das Reh tat mir nun wirklich sehr Leid. Und ich fühlte mich mies, weil ich mich bei meinem Exerzieren an der Waffe von solcher Verwüstungswut leiten liess.

Y.

Malawi Uganda - Teil 9

Um Anouschka zu versorgen und meinen Grundbedarf zu sichern, driftete ich in die Illegalität ab. Es war mir klar, dass ich meinem Ausschaffungsbeamten nur entgehen konnte, wenn wir von nun an in billigen Motels wohnten und wir diese Episode als zeitlich beschränkte Angelegenheit betrachteten. Die Menschenhändler besassen viele nützliche Kontakte. Ich wartete beispielsweise vor den Damentoiletten in den Clubs und vertickte das Speed an die Anorexiegirls, die sich das Zeug einwarfen, nachdem sie sich die Seele aus dem Leib gekotzt haben, manchmal gingen sie sogar dabei drauf, aber das war mir egal, es hätte sie ja ohnehin erwischt - früher oder später. Mir war nur dieses eine Mädchen wichtig. Von mir aus konnte jeder Mensch auf dieser Welt sterben, wenn es die Luft, die sie atmete und damit ihr Überleben sichern würde. Die Jungs griffen lieber zu härterer Ware. Was du willst. Im Laufe der Zeit baute ich mir sogar einen florierenden Aminosäuren-Mail-Order-Service für Möchtegernbodybilder auf. Die Yogatussi meiner ehemaligen Arbeitsstelle kannte einen Typen in einem Fitnessclub, der mir die Kundendatenbank gegen einen Hunderter zuspielte. Man stelle sich vor, die Privatadressen von 1200 Typen, von denen viele phantastische Coverfotos für Men’s Health abgegeben hätten. Phenylalanin, Tryptophan, Leucin, Methionin, Isoleucin - die Typen frassen alles und ich vertickte es ihnen. Körpergewebe gegen Geld. Ich kam mir vor, wie ein Organhändler. Am Schluss versuchte ich das Konzept, mit Botox und Viagra, auf Altersheime auszuweiten. Die Rentner spritzen sich das Nervengift literweise in den Arsch, um einen knackigen Hintern zu bekommen. Die Hausärzte wurden sauer. Auch die Sozialversicherungsanstalten beschwerten sich über meine lebensverlängernden Massnahmen. Ich bekam sogar Ärger mit den verdammten Bestattungsunternehmen.

*

Am Ende, wurde mir die Sache zu heiss, denn als Sans-Papier war es mir schlechterdings untersagt, unternehmerisch aktiv zu werden, auch wenn der Botox- und Viagrahandel sich im völlig legalen ökonomischen Rahmen entwickelte. Ich verkaufte den Laden an den Typen, von dem auch mein Grundkapital stammte, den guten alten Banker Anastasius Nadelholz. Natürlich nicht, ohne mir vertraglich eine monatliche Überweisung von 50 blauen Scheinen auf ein, noch zu eröffnendes, Bankkonto im Ausland zuzusichern. Anouschka hielt es für einen guten Einfall, nach Russland auszuwandern, zurück in ihre Heimat. In das Land, dessen Sprache sie sprach und dessen Kultur sie teilte. Wir suchten uns auf einer Landkarte einen schönen Namen aus, stiessen dabei auf die Stadt Kaluga, deren Name uns beiden gefiel.

K A L U G A sprach Anouschka damals aus, und es fühlte sich an, wie ein Märchen, dessen Ideengehalt ich freilich nicht entschlüsseln konnte, die Diktion sich jedoch so unfassbar melodisch anschmiegte und mich innig, wie einen Kokon, umschloss, sodass mir dies passabel genug erschien, um dort spontan glücklich zu werden. Unsere Gedanken würden die Lücken schon ausfüllen und das Märchen im Kopf zu Ende schreiben. Wir setzten uns am Bahnsteig in den nächsten Zug und überschritten die unsichtbare Grenzlinie, indem ich mich als Anastasius Nadelholz ausgab. Manchmal ist ein Name alles, was man braucht, um Einfassungen zu überschreiten. Deshalb stehen Namen immer neben und nicht in Bildern - auch wenn es ziemlich bescheuerterte Namen sind.

Y.

Malawi Uganda - Teil 8

Am nächsten Morgen, wurde meine Hoffnung auf ein besseres Leben jäh zerschlagen. Auf dem Weg zum Hotel, als ich kaum meinen Träumen, der letzten Nacht, entronnen war, knipste mich versehentlich ein japanischer Tourist mit seiner Digitalkamera, als ich ihm gerade ins Panorama latschte. Das gleissend helle Licht durchdrang meine Iris und brachte meine Neurotransmitter in Schwung. Beim Gedanken, nun in einem dieser hässlichen, mit Pokemon®-Stickern verzierten, japanischen Fotoalben zu enden, wurde mir auf einmal unheimlich übel und ich musste mich beinahe übergeben. Ich stellte mir förmlich vor, wie irgendein japanischer Greis seinen Finger auf meinen abgelichteten Miniaturkopf legt und zu seinem Neffen sagt: »Oh, it’s a multicultural country.« - Es gibt doch nichts Besseres, als zum Superstar einer ganzen japanischen Familien-Dynastie zu avancieren. Der Japaner entschuldigte sich höflich bei mir und ich zeigte ihm den Finger.

Eines Tages engagierte das Hotelmanagement, im Rahmen einer Coporate-Gouvernement-Massnahme, eine Unternehmensberatung mit dem mondänen Namen McKinsey. Die McKinsey-Fritzen entwarfen ein phänomenales integratives Mitarbeitermodell mit der weitläufigen Idee, die Mitarbeiterzufriedenheit zu fördern und die Betriebsabläufe zu steigern. Anlässlich dieser Massnahme, stellte McKinsey im Flur ein goldenes Sparschwein auf und bat jeden Mitarbeiter, von der Putzfrau bis zum Sans-Papier, dem Hotelmanagement Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Der Gewinner würde eine Prämie von 5’000 Schweizer Franken sein Eigen nennen können. Ich schrieb also:

Lieber Hotelmanager,

im Namen des diesjährigen McKinsey-Preisausschreibens möchte ich Ihnen empfehlen, die Putzmannschaft durch Kinder zu ersetzen, da Kinder besser in unsere Esswarenlifte passen.

Hochachtungsvoll,

Malawi Uganda

Der Hotelmanager sagte nur, Kinderarbeit würde gegen die Arbeitsbestimmungen verstossen, aber seine Gäste hätten stets Bedarf an minderjährigen Russinnen, falls ich welche kennen würde. Worauf ich dem Hotelmanager offen und ehrlich sagte, dass ich diese, seine, Meinung nicht teilen würde und er sich doch sich doch ins Knie ficken solle. Der Hotelmanager verpasste mir darauf einen Fusstritt und ich stand unversehens vor die Tür, was aber keine sentimentalen Befindlichkeiten zurückliess, da der Verdienst doch ohnehin nicht dem, was ich für Anouschka und mich als Existenzgrundlage aufbringen musste, entsprach, wobei unsere Ansprüche rudimentär waren. Ausnahmsweise durfte ich an diesem, meinem letzten, Tag die Drehtür verwenden, vor dem Eingang empfahl ich noch einem Yuppie, der gerade aus seiner Lexus-Limousine entstieg, eine andere Luxusunterkunft und beschimpfte ihn dann als geilen Defätisten, als dieser sich weigerte, meinen freundlichen Empfehlungen in Betracht zu ziehen.

Zuhause, in der Notschlafstelle, rief ich postwendend meinen Ausschaffungsbeamten an.

»Ich kündige!«, schrie ich in den Hörer. Und er sagte nur: »Dann werden Sie einen Herzschlag erleiden.« Worauf ich sagte, dass dies mir egal wäre und leicht prätentiöser: »Man muss viele Tode sterben, um endlich geliebt zu werden.« Dann knallte ich den Hörer in die Gabel und fühlte mich gut, denn ich wurde tatsächlich geliebt. Anouschka liebte mich. Wir haben nie miteinander geschlafen oder so. Man soll Pawlowsche Hunde nicht wecken und Anouschka funktionierte, nun, nach ihrer Umerziehung durch die Menschenhändler, wie Einer. Man hatte Sie dazu konditioniert, keine Liebe mehr zu empfinden, wenn man geliebt wurde. Und sie wusste das. Unsere Liebe war somit eine Platonische.

Y.

Malawi Uganda - Teil 7

Ivanovic, der Menschenhändler, wollte in Erfahrung bringen, was hier los sei, wobei er die deutsche Syntax dieser Frage auf balkanische Weise verdrehte, was mich selbst als Angehöriger des bunten Landes Buganda, und als bunten Hund, für den mich der Banker Anastasius Nadelholz halten musste, zum schmunzeln brachte.

»Sie stören unsere Festivität, Ivanovic«, stellte ich freundlich aber bestimmt fest. »Fallen Sie denn immer so mit der Tür ins Haus?«

»Was Festivität?«, fragte Ivanovic schnaubend.

»Wissen Sie, es scheint, als ob wir hier eine stillschweigende Übereinkunft getroffen hätten.«

»Vergiss Übereinkunft, schwarzer Mann!«

Ich lächelte.

»Sie sind Menschenhändler, nicht wahr? Wir werden also verhandeln.«

»Worüber verhandeln?«, fragte er cholerisch.

»Na, über einen Menschen, ein Mädchen - ich möchte Anouschka kaufen

Anouschkas Augen wurden gross, üppig und reichlich, als ich diese Worte sprach.

»Und nein, ich werde ihnen dafür keine Kamele anbieten«, fügte ich hinzu, als ich in sein vom Regen gezeichnetes, kantiges Gesicht starrte und ihm zuzwinkerte.

»Anouschka unverkäuflich. Du kein Geld haben.« Bei dieser Gelegenheit packte Ivanovic Anouschka, die er um gut zwei Köpfe überragte, nicht minder fest an ihrem Handgelenk.

»Nein, ich habe kein Geld«, stellte ich nüchtern fest und versuchte dabei seine dreckigen Finger an Anouschkas Handgelenk zu ignorieren.

»Aber ich habe eine Idee.« Dann zeigte ich auf Nadelholz: »Der Banker wird die Rechnung bezahlen.«

Anastasius schlug überrascht die Augen auf. »Nicht wahr?«, fragte ich ihn. Er resignierte und nickte.

Ivanovics Augen sogen das angenehme Licht des Raumes, nun, als diesem das Wort Banker erfreut über die Lippen kroch, nicht mehr auf, sondern reflektierten es und warfen es in den Raum zurück. Der Kopf von Anastasius senkte sich, in Anbetracht der Einsicht seiner misslichen Lage, während Ivanovic ihm noch brüderlich den Arm auf die Schulter legte und ihm dazu gratulierte, eine so schöne Russin zu ersteigern. Nadelholz nahm das, was soeben über seine Schultern hinweg beschlossen wurde, folgsam auf und transformierte es - in einem Prozess, den man regelrecht von seiner Mine Ablesen konnte - zur Einsicht.

»Und Anastasius. - Sollten Sie gegen irgendeinen dieser Punkte verstossen, werde ich den Pass an meinen Ausschaffungsbeamten senden.«

Feierlich reichte ich dem Banker Anastasius die Hand, um Anouschka, daraufhin, durch die Tür nach draussen zu geleiten, zu entführen, in eine Welt, die, die ihre war und die sie, Anouschka, aus den Trümmern und Fragmenten, die ihr geblieben sind und die sich in ihrem Körper auftürmten, neu erschaffen konnte. Während eine Stimmung, die sich idyllisch anfühlte, von mir Besitz ergriff, von der ich mir zugleich wünschte und erhoffte, dass sie auch von Anouschkas Körper Besitz ergriffe, knarrten die hölzernen Stufen der Treppe unter unseren Fusssohlen, als wir beide aus der Höhle der Menschenhändler hinabstiegen und unten auf der Strasse vom Licht der Scheinwerfer erfasst wurden, die, wie Gondeln einer Kirmes gleich, über den Asphalt hinwegglitten, sich nach und nach klanglos in der Finsternis verloren. Das Land, in dem ich lebte, fing mir an zu gefallen, alles bekam wieder einen Sinn, folgte den Destinationen unseren Gedanken und dem, was wir für richtig hielten.

Wohin wir nun gehen würden, spielte eine untergeordnete, nahezu unwichtige Rolle, deren Sinn und Zweck uns nicht mehr viel anging. Und so schlenderten wir eng umschlungen ins nächste Lichtspielhaus. Dorthin, wo das Licht Herzen noch zu durchdringen vermag, und man weinen und lachen konnte.

Y.

Malawi Uganda - Teil 6

Ich trat die Tür zu Anouschkas Wohnung um 22:13 Uhr ein. Vorher öffnete Anouschka mir die Tür nur einen Spalt weit und flüsterte mir durch die, in der Türangel goldig glitzernde, Türkette noch zu, dass ich ihr Zimmer augenblicklich nicht betreten könne. Im Hintergrund hörte ich den schnellen Atem eines Mannes, der es kaum erwarten konnte den unversehrten, kleinen, aber knackigen Busen einer jungen, bezaubernden Russin zu karessieren.

Der Freier war noch angezogen, trug ein weisses Business-Hemd und eine lose Kravatte um seinen untersetzten Hals. Nervös tastete er nach seiner 24-Karat-Goldrandbrille, als es sie endlich gefunden hatte, setzte es sie hastig auf, gerade eben noch, ehe meine Faust sein Gesicht traf und sein Kopf, mit der Wucht eines Punchingballs, streng nach Newtons Vektorgleichungen, an die Wand hinter ihm knallte. Meine Linke bohrte sich eine Sekunde darauf in den Solarplexus des Typen. Dieser ging umgehend zu Boden. Anouschka hielt mich zurück und redete wild gestikulierend auf mich ein. Meinte, ich würde die Situation, in der sie, Anouschka, steckte verschlimmern, wesentlich erschweren und dass sie die Menschenhändler deswegen bestimmt umbringen würden und was emotional belastete Nerven von Frauen in solchen Minuten eben sonst noch alles sagen. »Liebes, die Suppe wird immer heisser gekocht, als man sie isst«, sagte ich zu ihr.

»Wie heissen Sie?«, fragte ich den ungefähr Fünfundvierzigjährigen am Fussboden, mit einer zugegeben etwas im Ton missfallenden Stimme. Er wollte mir nicht direkt antworten, sondern sah bloss zu mir hoch, irgendwie wie ein verängstigter Hund, oder umgekehrt, wie ein blasser, biederer Mensch, er sich einem zähnefletschenden Dobermann ausgesetzt sieht, an den ich ihn als grossgewachsener Neger mit weissen Zähnen zweifellos erinnern musste. Ich wiederholte also meine Frage lauthals und verstärkte damit seine Totenstarre.

»Anastasius Nadelholz«, brachte er schliesslich unter dem tiefem Atem eines schmerzenden Oberkörpers heraus.

Ich warf einen fragenden Blick hinüber zu Anouschka. »Was guckst du mich an?«, sagte die, während ich überlegte. Den Namen hatte ich schon irgendwo gehört, aber mir gingen in diesem Moment noch gefühlte einhundert andere Gedanken durch den Kopf; Ugandas Bruttosozialprodukt pro Skalp {990$} kam mir beispielsweise in den Sinn, und es gab immerhin deren 31 Mio Skalpe, bei einem überraschend jungen Altersdurchschnitt von 15 Jahren; meine fünf Nächte in meiner Notschlafstelle, die ich dort auf Kredit zugebracht hatte; die Yogatante im Luxushotel, die mich für einen Kenianer hielt, mit dem sie in ihren Ferien rumgemacht und der sie ausgenommen hatte; Das Königreich Buganda von dem der Name Uganda eigentlich abstammt; ah ja - der Ausschaffungsbeamte hatte ihn erwähnt: Anastasius Nadelholz - der verdammte Banker.

»Sie sind ein Banker, nicht?«

»Woher wissen Sie das?«

»Was haben Sie ausgefressen?«

»Ausgefressen?«.

»Wieso ist die Regierung hinter ihnen her?«

»Die Regierung?«, fragte Nadelholz zurück.

»Ja, die Schweizer Regierung. Wissen Sie, mein Ausschaffungsbeamter hat mir meine Arbeitsstelle unter der Bedingung vermittelt, Sie auszuliefern. Was können Sie mir über sich erzählen?«, fragte ich, während ich mich zu seinem nichtssagenden Gesicht niederbeugte, das mich irgendwie an einen Offizier erinnerte.

Anastasius Nadelholz zuckte mit den Schultern.

»Was tun Sie während ihrer Arbeit?«

»Ich schleuse Kundengelder in die Schweiz.«

»Illegal?«

»Ein Bisschen.«

»Ach, Sie sind ein Steuerhinterzieher?«

Anastasius nickte.

»Na, dann ist ja alles klar. Sieh’ dir den an, Anouschka! Fein!«

»Hören Sie«, sprach Nadelholz, »ich habe Geld.«

»Welch’ Überraschung - wie viel

»Genug.«

»Ausgezeichnet«, sagte ich und machte eine hohle Hand. »Geben Sie mir ihren Pass.«

Nadelholz tat, ohne sich um eine Beanstandung zu bemühen, wie ihm gehiessen und überreichte mir seine elegante Legitimation zur Unversehrtheit in einem Wohlfahrtsstaat, deren Umschlag ein weisses Schweizerkreuz auf rotem Grund zierte. Ein Kreuz so piekfein und pittoresk, dass bestimmt die klerikale Gemüter von denen in Wallungen bringen musste, die den Exorzismus in unserem Land verbreitet haben.

In diesem Moment wurde zum zweiten Mal an diesem Abend die Tür eingetreten, die aber freilich nur noch banal gegen die Wand knallte. Man kann eine Tür eben nicht zwei mal richtig eintreten. Eine lautstarke balkanische Männerstimme meldete sich von hinten an. Es war Ivanovic - einer der Menschenhändler.

Y.

Malawi Uganda - Teil 5

»Malawi, bitte melden Sie sich morgen am Empfang vom Hotel Palace. 6:00 Uhr früh. Seien Sie pünktlich.«, sagte mein Ausschaffungsbeamter trocken, als ich ihn abends anrief.

Am Empfang des Hotels schickte mich die blonde Empfangs-Tussi, die sich gerade die Nägel lackierte und die mich mit ihrem gebleichten Vorderzähnen anlächelte, hinunter zum Küchenchef. Er stellte sich als kleiner Typ heraus, der seine schwarzen Haare zu einem hässlichen Rossschwanz zusammengebunden hatte, was ihn wie eine Mischung aus einem zweitklassigen Trottaria-Besitzer und dem unter dem Synonym Dr. Doom bekannten Rezessionspessimisten Marc Faber aussehen liess. Er hiess Hans. Wer den ganzen Tag von Fressalien umgeben ist, wird automatisch dick. Hans war eines dieser Exemplare. Hans war aber auch der Typ Mensch, den du sogar dann mochtest, wenn er dir sagte, du sollst jetzt einmal die Maden für die Lebensmittelkontrolle schlucken oder den Boden mit deinen Fingernägeln von Fettresten säubern. Kein wirklicher Sadist im enzyklopädischen Sinne, denn sein Gesicht zeigte stets das onkelhafte Lächeln eines Päderasten. Aber in der Küche herrschte eine Hierarchie. Ich stand knapp über dem Lehrling, aber auch das nur, weil Hans den Lehrling hasste. Das Luxus-Hotel zahlte mir 9 Franken die Stunde - immerhin. Für die Notschlafstelle reichte es und essen konnte ich in der Küche soviel ich wollte. Denn die reichen Säcke machten ständig Diäten und liessen Fetthaltiges oft auf dem Teller liegen. Sie waren so verwöhnt, dass sie manchmal sogar die Crevetten oder Austern liegen liessen - reine Proteine. Einmal liess einer sein Gebiss liegen. Die Amalgam-Füllung ruinierte uns die verdammte Waschmaschine, weil der Lehrling das Gebiss unbedingt mit einem Beutel Kunstblut in einen Ziegelstein hämmern und dann seinem niederträchtigen Ex-Lehrer als Weihnachtsüberraschung schicken wollte. Meine Arbeit war eine Mischung aus abwaschen, abtrocknen, putzen und everyone’s darling. Ich führte auch Hans Terminkalender für Swingerclubbesuche, die mindestens zwei Mal in der Woche anstanden. Was tut man nicht alles für seine Vorgesetzten.

Es gab 5 Eingänge im Hotel. Den Fronteingang mit seiner schicken Drehtür aus den Fünfzigerjahren, der nachts immer von gelben Glühbirnen beleuchtet war und dessen Ahornholz die Atmosphäre eines edlen irischen Pubs verkörperte. Den Nebeneingang für Gäste, die, nach einer durchzechten Nacht im Casino, um vier Uhr morgens mit ihrer Magnetkarte einchecken wollten, und dessen Sinn es war, peinliche Blicke zwischen den Gästen und der Tussi am Emfpang zu vermeiden, wenn diese zu tief ins Glas geguckt hatten oder, schlimmer noch - was eine zeitlang sehr häufig vorgekommen ist - die geilen, senilen Whiskeytrinker sich an den Titten der Empfangstussi vergriffen. Dann gab es noch den Eingang zum Quai, der nachts immer verschlossen war und von dem eine rote Velourstreppe in die Lobby führte und den die C-Promis besonders schick fanden, ehe sie sich auf der Toilette eine Linie Koks zogen. Den Eingang für die Putzmannschaft, die grossteils nicht aus Männern, sondern aus slawischen Hausfrauen bestand, die zwar über keine entsprechende Ausbildung verfügten – für was auch -, aber stolze Besitzerinnen des Ausländerausweis B waren, was für die Luxushotelkette gerade eben ausreichte, um sie zu mit befristeten Arbeitsverträgen zu knebeln und finanziell auszubeuten. Und dann gab es – schliesslich - noch den Kücheneingang; eine Oleanderhecke schirmte ihn gegen die Strasse hin ab, um den Gästen nicht den Blick einer banalen Müllhalde zuzumuten und das schweizerische Gefühl für Sauberkeit selbst dann nicht zum Erliegen zu bringen, wenn irgendjemand einmal auf die, - zugegeben - überraschend dumme, Idee kommen sollte, das Luxushotel von der falschen Seite abzulichten und es gab tatsächlich ein paar solche Gäste – meistens unverdiente Immobilienspekulanten. Neben der Hierarchie war das Hotel auch in einem ideologischen Schablonenbild gefangen, dieses Bild teilte die Mitarbeiter in die Sichtbaren und die Unsichtbaren ein. Ich war für die Gäste unsichtbar. Die Putzfrauen, die auch unsichtbar waren, wurden nach Stellenantritt in ein geheimes Katakombensystem, bestehend aus schmalen Nebengängen, Treppen und Geheimtüren eingeführt. Wenn die Bewegungsmelder ansagten, dass die Gäste das Hotel eben verlassen hatten, schickte man sie über diese Schattenwelt ins Zimmer, als unsichtbare Fremdkörper, deren Anblick man dem Gast nicht zumuten konnte, was wahrscheinlich eher an der slawischen Physiologie ihrer Gesichter lag, als an unzureichenden Sprachkenntnissen - wenn du mich fragst. Der Platz der Geheimgänge war knapp bemessen. Deshalb wurden praktisch nur Putzfrauen eingestellt, die nicht grösser als 1.50m waren. Manchmal, wenn es schnell gehen musste, quetschten wir sie auch mal in die Küchenlifte und schickten sie damit in die oberen Etagen.

Y.